Oha, es gibt mal in dieser Debatte etwas Positives zu berichten: Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat sich gegen die Aufnahme des so genannten "Gendersterns" in die deutsche Grammatik ausgesprochen. Das ist gut für meinen Blutdruck. Daumen hoch.

Nachdem ich kürzlich eine Journalistin im Fernsehen eine solche Aussage abgeben sah, überwinde ich meine Hemmung und verkünde: Ich bin ein erklärter Fan der bestehenden generischen Geschlechtsform. keinsternAll die Versuche der letzten Jahrzehnte, mit Unterstrich und Binnen-I, diese Form in Misskredit zu bringen, haben nur zu einer weiteren Spaltung geführt, was nun in der Einführung dieses Nichtbuchstabens in die Sprache samt der albernen stockenden Aussprache einen groteskten Höhepunkt erlebt.

Das Wort "Mensch" ist maskulinen grammatischen Geschlechts. Denken wir also deswegen bevorzugt an Männer? - Ganz offenbar nicht. Und warum sollte dies beim Wort Bürger, Student oder Leser anders sein? Weil ein paar "interessierte Gruppen" dies so verfügt haben? Nein. Das empfinde ich als eine Anmaßung dieser Verfechter.

Und was ist mit den "Erkenntnissen" der Genderforschung? - Nun, ich halte diese Erkenntnisse in erster Linie für Thesen. Es gibt hier, gerade bei sozialwissenschaftlichen Disziplinen, keine mathematischen Beweise. Ein Anspruch auf Wahrheit kann nicht erhoben werden, bestenfalls auf Plausibilität, und jeder hat das Recht, diese Plausibilität für sich zu erkennen oder nicht, ohne sich gefallen lassen zu müssen, als Chauvinist bezeichnet zu werden.

Ich zweifle an der Plausibilität, da ich weder bei mir noch bei anderen Personen Tendenzen zur Diskriminierung durch diesen Sprachgebrauch erkennen kann, jetzt nicht und auch früher schon nicht. Niemand hat bei Begriffen wie "Arbeitnehmer" nur an Männer gedacht. Es geht dabei aber nicht nur um die häufig zitierten "Witze", bei denen man falsch liegt, weil man bei "Arzt" an einen Mann dachte - das kann passieren; ich habe bei vielen Wörtern eine stereotype Assoziation, wie viele andere auch. Es geht darum, wie Leute behandelt werden, ob ich das Stereotyp als Grund für eine diskriminierende Haltung nehme.

Das war bislang alles kein Problem, solange die generische Form Verwendung fand. Frauen werden auch jetzt immer noch ungerechtfertigt weniger verdienen, wenn sie als Arbeiterin bezeichnet werden. Das wird durch Anpassungen der Sprache nicht gelöst, wie auch viele vermeintliche Diskriminierungen durch Sprache nicht ausgeräumt werden, weil die ersetzten Begriffe (wie "Neger" durch "Schwarze" oder "Farbige" oder neuerdings "People of Color") bald wieder dieselbe semantische Nische besetzen. Man nennt dies die Euphemismustretmühle. Sie ist eine plausibler Beleg, dass sich die Semantik trotz Änderung des Begriffs nicht geändert hat. Das Problem steckt also tiefer, jenseits des sichtbaren Begriffs.

Noch eine Ergänzung, auf die ich kürzlich aufmerksam wurde: Eine deutsche Schriftstellerin schrieb kürzlich im tagesspiegel, sie arbeite in England und würde dort von - wohlgemerkt - Feministen gefragt, ob in Deutschland noch immer eine Frau als Bundeskanzlerin und nicht als Bundeskanzler bezeichnet würde. Das sei doch eigentlich eine Diskriminierung, dass man Frauen nicht dieselbe Bezeichnung wie Männern gewähre.

Umgekehrtes geschieht bei Berufsbezeichnungen im Englischen wie Actor und Actress. Es scheint sogar so zu sein, dass die Form Actress mittlerweile als diskriminierend empfunden wird und Frauen auf der Bezeichnung Actor bestehen. Wir kennen dies noch aus der Zeit vor ein paar Jahrzehnten, als in Deutschland das Wort Fräulein aus dem Sprachgebrauch verdrängt wurde, weil - richtigerweise - niemanden etwas angeht, ob eine Frau verheiratet ist oder nicht, zumal man diesen Maßstab bei Männern nie anlegte.

Freilich kann man die Situation im Englischen nicht unmittelbar auf das Deutsche übertragen: Da das Englische keine grammatischen Genera mehr besitzt, gibt es keine Kongruenzen, die zu beachten wären. Es ist also völlig legitim, "the actor and her first success" zu schreiben, was im Deutschen ungrammatisch wäre. Allerdings bezeichnen "he"/"she" im Englischen ohnehin das biologische Geschlecht, während im Deutschen eben "nur" das grammatische Geschlecht gemeint ist.

Besagte Feministen befinden, dass in Deutschland eine seltsame Gegenbewegung stattfinde, bei der man sprachlich extrem differenzieren wolle, dabei aber nur erreiche, alle Menschen in verschiedene Klassen einzuteilen und sie damit unterschiedlich behandele. Dies ist nun umso deutlicher zu erkennen, da uns schlichtweg die grammatischen Genera ausgehen, wenn wir neben Männern und Frauen noch andere Rollenbilder wiederzugeben versuchen.

Niemand möchte sich mit einem Neutrum (lateinisch ne-utrum, "nicht eines von beiden") bezeichnen lassen, aber neben maskulin und feminin bleibt sonst nichts mehr. Der Stern kann keine Lösung sein, da er nur Suffixe betreffen kann, andere grammatische Elemente (Pronomen, Artikel) aber nicht ändern kann.

Vielleicht entwickelt sich im Laufe der Zeit so etwas wie ein "Utrum" (eines von beiden), was die skandinavischen Sprachen besitzen, ein Genus für beide Geschlechter (und alles zwischendrin). Sprache entwickelt sich ... aber Sprache ist immer ein Allgemeingut, und niemand sollte so handeln, als gehöre sie ihm alleine.

Schlusswort: Unsere Gesellschaft macht derzeit eine Besorgnis erregende Entwicklung durch, in der keine "Gefangenen" mehr gemacht werden. Entweder man fügt sich dem Druck der aktuellen Sichtweise, oder man ist ein Ewiggestriger, vielleicht sogar ein Feind der modernen Gesellschaft.

Ich wünschte mir, ich könnte häufiger mal auf den (in verschiedenen Dialekten) bekannten Spruch zurückgreifen und ihn auf mich anwenden: Bevor isch misch uffresche, isses mir liwwer gleisch egal. Leider zeigt die aktuelle Entwicklung, dass man sich nicht mehr neutral aufstellen kann. Für oder gegen, tertium non datur. Nicht gut.