Eine Food-Bloggerin (haben wir dazu eigentlich einen schönen deutschen Begriff?) wies kürzlich darauf hin, dass im Westen viele indische Gerichte einfach "Curry" genannt würden, obwohl sie im Indischen einen anderen Namen trügen. Curry sprechen wir im Deutschen wie "Körri" aus, es sollte eigentlich die englische lautschriftliche Wiedergabe von கறி sein, was sich "karri" spricht und ein Eintopfgericht bezeichnet.

Etwas ungeschickt war vielleicht der Zusatz der Bloggerin, dass die Bezeichnung "Curry" aus der Kolonialzeit stammt, als die Engländer Indien besetzten und keine großen Unterschiede bei dem machten, was sie vorfanden. Darin lasen viele einen Vorwurf (vielleicht steckte ein bisschen auch drin), die Bezeichnung "Curry" an sich sei "politisch inkorrekt". Die Bild-Zeitung titelte, dass jetzt "auch Curry rassistisch" sei, und ich selbst war schon drauf und dran, etwas zum neuen Sprechverbot zu schreiben.

Aber wie man sieht, es werden keine Gefangenen mehr gemacht - auf keiner Seite.

Mich selbst nerven die permanenten Belehrungen, was nun nicht mehr gesagt werden soll, ungemein. Es ist unfassbar grotesk, wenn Leute nur noch vom N-Wort sprechen, als würde man vom Blitz (oder Stein) getroffen, wenn man es ausspricht; zuletzt war das so beim Wort "Jehova" (glaubt man Historienfilmen wie "Das Leben des Brian").

Zusammenhänge

Semantik und Kontext ist das, wessen sich unsere menschliche Intelligenz bedienen kann, anders als ein einfaches Worterkennungssystem. Selbstverständlich kann ich das Wort "Neger" sagen und schreiben (kommt da ein Stein geflogen?). Der Kontext und meine Intention sind aber wichtig: Möchte ich damit einen Menschen bezeichnen, oder geht es mir um das Wort?

Ich verwende "Neger" nicht als Bezeichnung für dunkelhäutige Menschen, egal, wie dunkel ihre Haut ist. Zum einen ist der Begriff zu unscharf - ab welchem Hautton gilt er? Zum anderen, viel wichtiger, ist er tatsächlich stets herabwürdigend verwendet worden, und hier einen neutralen Kontext zu finden, dürfte sich als schwierig bis unmöglich erweisen. Ich muss aber schreiben und sagen können, dass dunkelhäutige Menschen früher Neger genannt wurden, dass das aber herabwürdigend ist und zu Recht vermieden wird - und nicht, wie es der Spiegel neulich tat, fortwährend "N-Wort" schreiben müssen.

Im Übrigen verwende ich noch immer den Begriff "Negerkuss", da ich diesen nie - selbst in meiner Kindheit, als das Wort üblich war - mit einem dunkelhäutigen Menschen und einem Akt der Zuneigungsbekundung verband. Es war und ist für mich ein neunbuchstabiges Wort mit der Bedeutung einer Süßigkeit.

Von Mastern und Menschen

Dabei muss ich an ein weiteres Vorkommnis in dieser Sprachdiskussion denken. Die Begriffe "Master" und "Slave", welche in der Technik ein bestimmtes Schaltverhalten beschreiben, sollen nach dem Willen einiger  nicht mehr verwendet werden, weil sie die Sklavenhaltung verharmlosten.

Das ist natürlich fortgeschrittener Quatsch. Tut mir leid, ich fühle mich außerstande, anders darüber zu urteilen.

Master-Slave-Flipflop, Master-Slave-Steckdose, Master-Modus, Slave-Modus... Selbst die Bezeichnung "Master" in Repositories wurde zu "Main" geändert.

Ich frage mich seither immer, ob sich meine Haltung zur Sklaverei geändert hat, ob ich das Grauen nun bewusster wahrnehme. Dann fällt mir ein, dass ich schon immer Sklaverei als Verbrechen wahrgenommen habe. Habe ich mir jemals vorgestellt, dass es doch gar nicht so schlimm sein kann, ein Sklave zu sein, wenn ich ein Gerät als "Slave" konfiguriere? Bin ich vielleicht insgeheim ein Sklavenhalter? - Wie gesagt, ein unsäglicher Unsinn.

Was steckt dahinter?

Mich beschleicht das Gefühl, dass hinter dem Kampf um "korrekte Sprache" zwei Intentionen stecken:

  • Entweder hält man einen Großteil der Menschheit für derart dumm, dass er nicht in der Lage ist, die Bedeutung und den Kontext eines Wortes korrekt zu erfassen, sodass man das Wort selbst verbannen muss;
  • oder es geht um Selbstdarstellung. Die Kämpfer für Wokeness1 sind eher um ihre eigene Wirkung besorgt als um den Schutz der Menschen, die sie als diskriminiert wähnen.

Es geht, so ist mein Eindruck, um Punkte in der Wokeness-Skala in sozialen Medien. Umso mehr sprachliche Probleme man aufdeckt, umso achtsamer und gerechter kann man sich darstellen.

Dabei sind die Verfechter von Wokeness und "korrekter" Sprache wie eine Feuerwehr unterwegs, welche die Brände selbst legt: Begriff A wird von diesen Leuten nun als diskriminierend bezeichnet, obwohl dies vom Rest der Sprachgemeinschaft nicht geteilt wird. Da es genügend Leute gibt, die ihrerseits in der Wokeness nicht zurückfallen möchten, werden sie diese Ansicht schnell teilen und selbst nachlegen müssen, also Begriff B nun auch als diskriminierend erklären.

Zum Genderismus in der deutschen Sprache habe ich andernorts schon genug geschrieben, der geneigte Leser mag die Ausführungen auf dieser Seite unmittelbar darauf übertragen. Der Rest lässt es bleiben.

 

"Woke" ist ein falsch gebildetes Partizip zu "wake" ("wecken"; korrekt wäre "woken" oder "waked") und soll die "Erwachtheit" bezeichnen, gewissermaßen die Erleuchtung, wie sehr Menschen von Sprache angeblich diskriminiert würden.